von Philipp Schaller, dem Künstlerischen Leiter des Ensembles

Ich möchte Ihnen von unseren gegenwärtigen Erfahrungen mit dem Publikum berichten – unvollständig, skizzenhaft und unausgewogen. Erzählen, was wir als Ensemble der Herkuleskeule Dresden gerade so erleben – hier im Theater und auf Tournee.

Als Dieter Hildebrand zusammen mit Werner Schneyder 1985 ein Gastspiel in der Leipziger Pfeffermühle hatte, berichtete er hinterher vom Unterschied der DDR-Zuschauer zum westdeutschen Zuschauer: »Die Leute sitzen anders auf den Stühlen.« Er meinte: Auf der Stuhlkante. Meine Beobachtung seit ein paar Jahren: Sie tun es wieder. Wir müssen nur die Elefanten im Raum ansprechen, nämlich die Fragen formulieren, die doch sowieso viele Menschen immer lauter denken und inzwischen auch aussprechen.

Zum Beispiel: 

Warum gibt es in Österreich eintausend Euro mehr Durchschnittsrente? Weil dort alle in die Rentenkassen einzahlen. Warum nicht in Deutschland?

Oder:

Warum gibt es in diesem Land Milliarden für Kanonen, aber nicht für kostenlose Schulspeisung?

Oder:

Warum soll es angeblich zwingend nötig sein, das Kinderkrankengeld zu kürzen, aber unmöglich, eine Vermögenssteuer für das reichste eine Prozent einzuführen?

Oder: Eine einfache Frage, auf die ich keine Antwort habe:

Wenn doch die AfD demokratiefeindlich ist, aber nunmal einen guten Teil der Ostdeutschen im Bundestag vertritt, ist dann die Gesprächsverweigerung der anderen Parteien mit eben diesen Volksvertretern demokratiefreundlich? 

Was mich am meisten beschäftigt: Wenn keine der anderen Parteien die AfD in der Regierung haben will, warum machen sie dann mit ihrer Politik so erfolgreich Wahlkampf für die AfD? 

Nächste Frage: Ist es wirklich so eine gute Idee, dass zukünftig ausschließlich die Gesetzlich Versicherten die Bürgergeldempfänger mitversichern sollen, aber nicht mehr den eigenen Ehepartner? Wer soll sich da nicht von den Parteien der Mitte abwenden? 

Und warum sprechen Politiker gebetsmühlenartig von »Unserer Demokratie«? »Demokratie« reicht doch.

Das sind so Fragen. Und wir stellen sie als Fragen. Ich glaube: Die AfD hat auf keine dieser Fragen Antworten. Aber es ist so: Wir – das Ensemble – wir können die AfD aus dem tiefsten Grunde unserer Herzen ablehnen. Aber  dadurch verschwinden weder die Fragen, noch die Menschen, die sie stellen. 

Wir stellen diese Fragen auf der Bühne. Wir erleben Zustimmung, Ablehnung und Angriffe. In Dresden spaltet sich das Publikum. In Kamenz sagen manche Zuschauer: »Das denken wir hier alle. Was ist daran neu?« 

Und noch eine Frage: Warum werden die Retter eines gestrandeten Wals gefeiert, und Menschen, die Ertrinkende aus dem Mittelmeer retten, bekommen Morddrohungen? 

Sie merken: Wir wollen weder der AfD recht geben, noch selber Recht haben. Wir stellen Fragen. Und damit machen wir uns angreifbar. Peter Ensikat, der in dieser Woche seinen 85. Geburtstag gefeiert hätte, hat gesagt: »Ein Satiriker, der verletzt, muss sich auch verletzen lassen.« Auch deshalb bitten wir nach dem Schlussapplaus Andersdenkende, im Foyer auf uns zu warten und uns ihre andere Meinung persönlich zu sagen. Um ins Gespräch zu kommen. Die wenigsten tun das. Und die, die so mutig sind, sind meistens Frauen. Die Männer schreiben ihren Frust anonym in die Google-Bewertungen. Manche schreiben auch, wir stünden auf der falschen Seite. Im Gespräch könnte ich fragen: Was ist denn die richtige Seite?

Manche Zuschauer erinnern uns daran, wir Kabarettisten müssten den Leuten den Spiegel vorhalten. Am besten den anderen Leuten. Das machen wir nicht. Wer anderen einen Spiegel vorhält, kann selber nicht reingucken. Und wer immer noch bestreitet, Teil des Problems zu sein, und sich sogar für die Lösung hält, der ist noch bekloppter als der, der glaubt, auf der richtigen Seite zu stehen.

Wir bekommen übrigens auch viel Zustimmung. Interessanterweise viel Zustimmung von Westdeutschen, die uns sagen, die Zustände erinnern sie an früher in der DDR. Da ich die Zustände in der DDR selbst nicht so gut kenne wie die Westdeutschen, kann ich dazu wenig sagen. Aber es fällt auf, dass gerade die westdeutschen Besucher sagen, so eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit würden sie auf den Kabarettbühnen ihrer Heimat nicht mehr hören. 

Wir freuen uns, wenn Zuschauer hinterher sagen, unser Programm war differenziert. Natürlich geht Differenzierung oft zu Lasten der scharfen Pointe. Denn manche scharfe Pointe entpuppt sich als zu einfache Antwort. Aber: Einfache Antworten müssen verweigert werden – wer sie für den schnellen Lacher in Kauf nimmt, wird der Kompliziertheit der Probleme nicht gerecht. Aus der Sehnsucht nach Pointen  sagen manche Zuschauer auch, wir seien nicht mehr so scharf wie früher. Ich weiß es nicht. Und natürlich: Manchmal genießen wir den schnellen Lacher. Ich kann nur hoffen, dass es uns wenigstens noch auffällt.

Einen Text von Konstantin Wecker empfinde ich als eine Richtschnur für unsere Arbeit. In diesem Text heißt es »Wo alle spotten, spottet nicht.« Eingedenk der so unterschiedlichen Erwartungen an uns, bleibt uns doch nichts anderes übrig, als weiter zu spotten, aber dabei immer selber zu entscheiden, worüber wir spotten sollten und worüber nicht. Lieber mal auf den Beifall verzichten. Oder, wie es Konstantin Wecker schreibt: »Wenn alle mittun, steht allein.«