veröffentlicht in der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung am 19.06.2026
wie eine Friedensnobelpreisträgerin den Krieg wahrt, das Kreisordnungsamt den Russen aufhält, ein »Schlachtfeld für alle« zur Diversität beim Sterben beiträgt und wie das alles zu verstehen sein soll
Vorbemerkung: Never explain!
»Wie soll das zu verstehen sein!« Das schrieb ein Zeitgenosse unter einen Ausschnitt aus einem Fernsehinterview, den ich bei Instagram gepostet hatte. Dort sage ich, ich müsse meine eigenen Brandmauern hinterfragen, »und zwar die gegen Ricarda Lang UND Tino Chrupalla!« Die eigenen Brandmauern prüfen: Das ist für mich so selbstverständlich wie mein vor ein paar Jahren in einer Radiosendung formulierter Nebensatz, den der MDR prompt zur morgendlichen Spitzenmeldung seiner News-Seite erhob: »Dresdner Kabarettist: Nicht alle AfD-Wähler zu Faschisten erklären!« Ich weiß noch, wie mir vor Lachen mein Müsli aus dem Mund staubte. Eine Selbstverständlichkeit als Spitzenmeldung! Meine Frau fragte: »Warum hast du nicht zum regelmäßigen Zähneputzen aufgerufen? Dann brächten sie jetzt einen ARD-Brennpunkt!« »Nicht alle AfD-Wähler zu Faschisten erklären!« – kurz darauf eine email mit der Frage »Wie soll das zu verstehen sein!« Als mich ein Zuschauer einmal als »Putins Nutte« beschimpfte, entgegnete ich sprachsensibel: »Wenn, dann bin ich Putins Sexarbeiter!« Seine Reaktion: »Wie soll das zu verstehen sein!« Ich habe darauf keine Antwort. Ich verstehe ja nicht einmal die Frage! Wer »soll verstehen«? Der Frager? Alle anderen? Es ist ja keine Frage, die eine Antwort verlangt. Noch schlimmer: Nicht einmal ermöglicht! Ich soll über mich nachdenken! Bis morgen einen selbstkritischen Aufsatz schreiben! Der Ton, mit der diese sogenannte Frage gestellt wird, er hängt mir in der Seele. So klang meine Pionierleiterin, als ich mit zerknittertem Halstuch beim Appell erschien: »Verhöhnst du damit den ermordeten Genossen Thälmann? Oder wie soll das zu verstehen sein!« Auf diese Scheinfrage kann niemand antworten, ohne sich auf dasselbe Niveau bücken zu müssen. Also ist die Verweigerung einer Antwort die Antwort selbst. Die Antwort auf absichtliches Missverstehen, auf jede Unterstellung, auf alle als Fragen getarnten Urteile. Wer etwas nicht versteht, soll bitte eine Frage stellen! Eine echte! Eine mit Fragezeichen! Das sieht so aus: »?« Oder, in einfacher Sprache: Wer nicht fragt, bleibt dumm! Und: Einmal in Trotzlust, verweigere ich ab sofort auch jede Erklärung, wie ich etwas meine. Das ist wie Witze erklären, nämlich peinlich. Als Satiriker halte ich es wie die Queen: Never explain! Das nur vorab. Bevor Sie mir eine email schreiben. Jetzt zum Eigentlichen:
Der Eisenofen
Am 10. Mai brachte Putin Schröder als Wunschvermittler für einen Frieden ins Spiel. Einen Tag später strich Pistorius Selensky über den Kopf und versprach, deutsche und ukrainische Firmen würden jetzt gemeinsam Drohnen entwickeln. Schlechtes Timing. Ein moralisch umstrittener Altkanzler droht, in die Geschäftsbücher unbestritten moralischer Drohnenhersteller zu grätschen. Doch wozu hat man Freunde? Schröder sei ein Lobbyist, rief die jedes Lobbyismus unverdächtige Strack-Zimmermann. Deswegen, so die Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann sei Schröder in Europa eine »persona non grata«. Und die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas (persona grata) sagte, Schröder sei nicht neutral. Und schlug sich selbst als Kandidatin vor. Humor hat sie! So konnte die Friedensnobelpreisträgerin Europäische Union gerade noch verhindern, dass Schröder den Krieg gefährdet. Als ich mich einmal mit einem Psychologen über den unerträglichen Narzissmus eines Freundes unterhielt, brachte er mir das innere Leiden eines Narzissten näher. Er erzählte mir das Grimmsche Märchen vom »Eisenofen«. Ein verwunschener Prinz ist im Wald in einem Ofen gefangen. Kommt eine Prinzessin vorbei, der Prinz ruft »Hilfe, Hilfe!« Die Prinzessin schrappt mit einem stumpfen Messer ein Loch ins Eisen – vierundzwanzig Stunden lang – und befreit den Prinzen. Sie verlieben sich. Doch bevor sie ihn heiraten darf, verlangt er von ihr, über drei schneidende Schwerter zu laufen. Warum? Sie müsse erst noch ihre charakterliche Eignung beweisen. Da winkt einer mit der rechten Hand um Hilfe, um sie mit linken abzuweisen. Da ruft einer nach Freiheit, und will doch im Gefängnis bleiben.
Zum Milzriss wird Latte gereicht
Eine Eignung ganz anderer Art mussten Achtklässler im Kreis Kleve beweisen: Im Sexualkundeunterricht sollten sie einen »Puff für alle« entwerfen. »Welche sexuellen Vorlieben müssen in den Räumen wie bedient und angesprochen werden?« und welche »Fähig- und Fertigkeiten« brauchen die Mitarbeiter, »damit alle möglichen Menschen bedient und zufrieden gestellt werden können?« Das ist ein bildungspolitischer Offenbarungseid: Achtklässler bekommen eine Aufgabe für Zweitklässler! So wie im Kreis Görlitz, wo Neuntklässler im Rahmen eines Schulprojekts ein queeres Pornoheftchen zum schmökern bekamen, das Viertklässler längst digital auf youporn streamen. So geht das nicht weiter! Die F.A.Z. schlug schon vor zwei Jahren vor, Schulen müssten jetzt endlich kriegstüchtig werden (wo doch »bildungstüchtig« eine Utopie bleibt). Ich schlage folgende Aufgabe für Zehntklässler vor: »Entwirf einen Schützengraben für alle!« Mit eigenen Latrinen für jedes Geschlecht, vom Unteroffizierix bis zum Oberfeldmarschallix, von Asterix bis Obelix. Und: Kill-Life-Balance, ganz wichtig! Quality-Time auf der Feuerbank: Zum Milzriss wird Latte gereicht – mit fünf verschiedenen veganen Milch-Alternativen. Krieg für alle! Extra eingerichtete Still-Bunker ermöglichen auch der jungen Soldatenmutti die Verteidigung Deutschlands. Kurzzeitparkplätze an der Frontlinie! So können besorgte Mütter ihre Söhne jeden Morgen direkt vorm Feind absetzen. Da darf der Vorstadt-SUV mal zeigen, wieviel Beschuss er wirklich aushält! Und, einen Vorschlag des Alten Fritz aufgreifend: Damit sich siebzehnjährige Soldatinnen nicht ihre Nierchen verkühlen, findet bei Regen »die Schlacht im Saale statt«.
Hoffnung durch das Kreisordnungsamt
Bei einem Bürgerdialog im Hochsauerlandkreis erklärte Merz im Oktober letzten Jahres, Putin sei aggressiv gegen viele Länder in Europa und »wir«, also wir Deutschen, »werden uns wieder verteidigen müssen!«. Sie haben richtig gelesen: »Wieder«! So wie 45, als wir unser Berlin vor den Russen verteidigen mussten. Im Gegensatz zum »Problem im Stadtbild« war dieses »wieder« kein Stoff für öffentliche Kreischkonzerte. Weil der Satz ins Feindbild passt. Ich teile Merz’ Sorge einer russischen Invasion nicht. Ich bin Neu-Radebeuler und als Fan von Winnetou und Old-Shatterhand war ich Mitte Mai zum ersten Mal auf dem Karl-May-Fest. Im historischen Wagon der Lößnitzgrundbahn, dem »Lößnitzdackel«, fuhr ich zum Festgelände. Als wir an einer abschüssigen Wiese vorbeikamen, erzählte mir ein Alt-Radebeuler, bis vor wenigen Jahren hätten hier Banditen den Dackel überfallen. Mitglieder des Meißner Schützenvereins 1460 seien hinter Gebüschen hervorgesprungen und als Outlaws verkleidet auf die Fahrgäste zugestürmt. »Und zwar ballernd!« Diese schöne Tradition sei dann aber verboten worden. Vom Kreisordnungsamt. Dieses bemängelte, anwesende Kinder trügen keinen Gehörschutz. Auch sei das ungezielte Abfeuern von Platzpatronen gefährlich für Umstehende. Wenn deutsche Kreisordnungsbeamte schon bei Platzpatronen rumzicken, ist Deutschland sicher! Sollte es Putin bis nach Deutschland schaffen, wird seine Armee spätestens an der Oder-Neiße-Friedensgrenze vom Kreisordnungsamt gestoppt. Bis Jens Spahn nicht eine Billion Gehörschutzeinheiten gekauft hat, läuft hier gar nix, panimajesch? Der Meißner Schützenverein versuchte übrigens noch eine Ausnahmeregelung geltend zu machen, wonach bei Theateraufführungen mit Platzpatronen geschossen werden dürfe. Das Kreisordnungsamt berief einen Arbeitskreis. Der gab bei einer Theaterwissenschaftlerin eine Studie in Auftrag. Diese fand heraus: Eine Wiese ist keine Bühne. Ausserdem sei auf Filmaufnahmen früherer Zugüberfälle keine Choreografie erkennbar gewesen. Der Russe wird also erstmal vortanzen müssen, bevor er – vom Ordnungsamt entwaffnet – »bumskaja bumski« rufend Deutschland überfallen darf.
Brückentag
Spätestens in Dresden ist dann aber Schluss mit dem russischen Vormarsch. Vorsorglich haben wir schon mal die Carolabrücke einstürzen lassen. An der Unpassierbarkeit der restlichen Brücken wird hart gearbeitet. Die Budapester Brücke ist schon geschafft. Am Freitag vor Himmelfahrt standen hunderte Autofahrer auf dem Weg zur Arbeit vor der plötzlich vollgesperrten Brücke. In der Sächsischen Zeitung stand, zum Grund der Sperrung konnte noch keine Information von der Stadtverwaltung eingeholt werden, dort arbeite heute niemand: Brückentag! In Bad Schandau wurde die Elbbrücke nach monatelanger Sperrung wieder geöffnet. Obacht Putin, das ist eine Falle! Denn nach einem vorläufigen Gutachten ist die Brücke »standsicher, solange sie nicht belastet wird«.
Wie soll das zu verstehen sein
Angesichts all dieser durchdachten Vorkehrungen des Kreisordnungsamtes, kriegstüchtigen Schulen, rissigen Brücken und friedensabwendenden Maßnahmen durch das europäische Spitzenpersonal, wäre es fast ein wenig schade, wenn Putin gar nicht angreift. Dann hätten wir uns ganz umsonst für den Frieden hochgerüstet! Uns bliebe nur, es dem Meißner Schützenverein gleichzutun: Protestieren! Mit einem Sitzstreik auf der grünen Wiese. Wie soll das zu verstehen sein? Ich verweigere die Antwort. Never explain!