Ich habe mich mit meinem Nachbarn unterhalten. Für die verschiedenen Schnelligkeiten der Zeiten fand er folgendes Bild: In der DDR: Bimmelbahn – nach der Wende: Schnellzug – seit neulich: Achterbahn.
Also: Bimmelbahn – Schnellzug – Achterbahn.
Vom gemächlichen Bestaunen der politischen Landschaft mit ihren Wahrheiten und Unwahrheiten, über das Vorbeirasen an Ungeheurlichkeiten und Skandalen, hinein ins Dreidimensionale einer Achterbahn der Gegenwart.
Einer Achterbahn, wo die Wirklichkeit kopfüber gesehen zum Unwirklichen wird. Einer Achterbahn, wo die Bestimmung des eigenen Standpunktes von Kurve zu Kurve unmöglicher, und aufgrund der einsetzenden Übelkeit zweitrangig wird. Und wo ich Gefahr laufe, dass mir das eigene Erbrochene schon in der übernächsten Kurve talabwärts ins Gesicht zurückschlägt.
Der Bundesnachrichtendienst hat diese Gefahr verstanden und gibt die Wirklichkeit nur noch in Wahrscheinlichkeiten an. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 85 Prozent stammt das Coronavirus in Wirklichkeit aus einem Labor in Wuhan. Karl Lauterbach, ein anderer Laborunfall, beschimpfte seinerzeit alle als Aluhuträger, die diese Wahrscheinlichkeit nur vermuteten – und nicht, wie Angela Merkel bereits von ihr wussten. Zu dieser Achterbahn der Wirklichkeiten fällt mir ein alter Witz ein: Kennen Sie den Unterschied zwischen einer Verschwörungstheorie und der Wahrheit? Mindestens zwölf Monate. Ich wünsche uns allen schon jetzt viel Vergnügen beim nächsten Virus, beim Versuch, eine Bevölkerung hinter einer gemeinsamen Strategie zur Bekämpfung versammeln. Toi Toi Toi schon von dieser Kurve aus!
Ursula von der Leyen hat für Wahrscheinlichkeiten keine Nerven. Sie weiß ganz genau: 2030 steht der Russe in Deutschland. In der Zeitung lese ich: Putin will sogar bis nach Mallorca. Putin am Ballermann? Ganz klar: Da ist die Mehrheit der deutschen Bevölkerung für sofortige Bewaffnung. 800 Milliarden für Panzer und Drohnen, wenigstens teilweise eingekauft von amerikanischen Rüstungskonzernen, mit Krediten, teilweise von amerikanischen Banken. Ich frage mich, ob die Amerikaner vor Lachen noch in den Schlaf kommen. In der nächsten Kurve der Achterbahn lese ich ein Interview mit Boris Kahl, Chef vom Bundesnachrichtendienst. Hat er sich gerade verplappert? Hat er das wirklich gesagt? Der Ukrainekrieg dürfe nicht vor 2029 enden, damit Putin den von Ursula 2030 anberaumten Angriffstermin nicht vorziehen kann? Aus Sicht der Europäer klingt das vernünftig, weil Krieg aus Sicht der Rüstungskonzerne vernünftig ist. Aus dieser Sicht betrachtet, frage ich mich aber, ob die europäische Sicht, Trump und J.D.Vance hätten Selenski im Weißen Haus verarscht, so stimmen kann. Ob es nicht – aus dieser Kurve betrachtet – nicht genau andersrum ist: Die einzigen, die Selenski einmal nicht verarscht haben, das waren Trump und Vance. Haben sie ihm nicht einen echten Dienst erwiesen, mit der Mitteilung, dass er diesen Krieg nicht gewinnen kann. Das hatte dem Selenski ja so noch keiner gesagt. Schon gar nicht Biden, dessen Waffenlieferungen nicht dem Sieg der Ukrainer, sondern der Schwächung der Russen dienten.
Oder halluziniere ich – von Kurve zu Kurve geschleudert – Wirklichkeiten, die es so in der Zeitung gar nicht gibt?
Wenn die Wirklichkeit von oben betrachtet zum Unwirklichen wird: In welcher Wirklichkeit befindet sich Annalena Baerbock? Nachdem Trump das erste mal mit Putin telefoniert hatte, erklärte Annalena in einer Talkshow, sie hätte sich schon immer für diplomatische Lösungen eingesetzt. Einer muss halluzinieren – ich oder sie. Annalena, frag doch bitte mal bei deinem Noch-Gesundheitsminister nach. Da gibt es doch bestimmt was von Ratiopharm. Her damit! Warum werden 500 Milliarden in der einen Kurve als »Sondervermögen« bezeichnet, wo es doch von oben betrachtet »Schulden« sind? Die Ampel ist an einem 40-Milliarden Haushaltsloch gescheitert. 40 Milliarden – ist das nicht – von oben betrachtet – genau die Summe, die Cum-Ex-Kriminelle dem deutschen Steuerzahler geraubt haben? Und das 80-fache dessen, was eine durch die FDP verhinderte Kindergrundsicherung jährlich gekostet hätte? Die Hälfte von den deutschen Milliarden, die seit Kriegsbeginn im Stellungskrieg im Donbas verpulvert wurden? Sind 40 Milliarden Cum-Ex-Schaden nicht genau das 5000-fache dessen, was 16-tausend Arbeits-Totalverweigerer dem Staat jährlich an Bürgergeld entziehen? Oder hat es meinen Taschenrechner in der letzten Kurve aus der Bahn geworfen? Rede ich jetzt schon wie ein AfD-Politiker? Oder klingen meine Worte in der nächsten Kurve schon wie Heidi Reichinek, die ich von oben auf den Barrikaden sehe, weil Friedrich Merz die Brandmauer einreißt, die von unten betrachtet wie Brandbeschleuniger aussieht? Ich habe keine Zeit darüber nachzudenken, denn schon in der nächsten Kurve beschleunigt wieder Frau Baerbock an mir vorbei, an die Spitze der UNO – hatte sie nicht noch in der letzten Kurve verkündet, sie wolle jetzt mehr Zeit für die Kinder? Was interessiert die Wirklichkeit der letzten Kurve, wenn doch das Universum ruft: »Komm Annalena, komm! Das Universum braucht dich! Sonne, Mond und Sterne sehnen sich nach moralischer Belehrung und feministischer Aussenpolitik!«
Wonach sehne ich mich? Nach der Bimmelbahn? Nach dem nächsten Laborunfall? Wenn ich es aus der Achterbahn lebending heraus schaffen sollte, schule ich um. Aber zu was? Mein Nachbar rät: Zum Gärtner. Radieschen bleiben Radieschen. Von oben oder von unten betrachtet. Wahrscheinlich.