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Hier erscheinen in unregelmäßigen Abständen aktuelle Texte.

Zeitenwende (März 2022)

Endlich Krieg. Ich konnte das Wort »Corona« wirklich nicht mehr hören. Corona hatte unser Land lange genug gespalten, in Impfgegner und Haltung- Zeiger, in Schlafschafe und Covidioten, in Spaziergänger und An-die-Maske- Erinnerer.
Allein in meinem Freundeskreis gab es drei Paare, deren Beziehung fast am Impfstatus zerbrochen wäre. Bis ihnen der Krieg den Frieden brachte. Nun liegen sie gemeinsam unter einer Decke und fürchten sich gemeinsam vor einem gemeinsamen Feind. Musste Putin wirklich erst mit der Atombombe drohen, damit Menschen wieder zum Frieden finden? Vor meinem Küchenfenster demonstrieren jetzt ehemalige Impfgegner und Impfbefürworter gemeinsam gegen den Krieg. Everybody stands with ukraine. Everybody is gegen the Putin. Wer noch vor wenigen Wochen Putin verstand – Nato-Osterweiterung und so –, der versteht ihn jetzt nicht mehr. Denn ein Putinversteher will nun wirklich niemand mehr sein – und war es eigentlich noch nie. »Ich habe mich geirrt« ist die gehüstelte Losung der Jetzt-Wieder-alles-versteher. Und weil wir Putin nicht verstehen, wie könnte man auch, sprechen wir das Selbstverständliche aus: »Wir verurteilen Putins Krieg.« Und wer nicht schnell genug das Selbstverständliche ausspricht, vielleicht einfach, weil es einem seltsam erscheint, das sich von selbst verstehende auszusprechen, weil sich das Selbstverständliche dem Wesen nach ja von selbst versteht, den fordern wir laut auf, das Selbstverständliche so laut auszusprechen, dass es jeder laut versteht: »Ja, wir verurteilen Putins Krieg.« Und, als wäre es selbstverständlich, sagen wir »Putins Krieg«. Verstünden wir, warum das Wort »Putins« im Satz »Wir verurteilen Putins Krieg« überflüssig ist, würden wir ja nur »Krieg« verurteilen. Egal wo. Und egal, von wem er geführt würde. Krieg wäre Krieg. Aber selbstverständlich verurteilen wir Krieg, egal wo, egal von wem geführt. Aber wenn es doch so selbstverständlich ist, warum sprechen wir es dann nicht aus? Wo wir doch so gut darin sind, das sich von selbst verstehende auszusprechen. Dann wäre Krieg Krieg. Und wenn Krieg Krieg wäre, dann wäre Kriegsflüchtling Kriegsflüchtling. Aber es gibt doch wohl einen Unterschied zwischen schwarzen, alleinreisenden Männern und alleinreisenden, blonden Frauen mit Kindern. Dieser Unterschied ist wiederum so selbstverständlich, dass man ihn nun wirklich nicht aussprechen muss. Alleinreisende, blonde Frauen – welches Bautzner Braunhemd wird da nicht zum Ersthelfer! Wer es bisher nicht im Herzen fühlte, fühlt es jetzt in der Hose. Wer fordert jetzt »eine Armlänge Abstand« zu den Ukrainerinnen? Die Frage ist ungehörig, selbstverständlich. Der Gedanke ist zynisch. Selbstverständlich. Ich spreche es lieber aus, bevor mich jemand dazu auffordert.
Selbstverständlich wollen wir helfen. Putins Armee schießt auf Kinderkrankenhäuser. Wer da nicht helfen will, dem ist nicht zu helfen. Trotzdem: Wenn Christen statt Moslems vor der Tür stehen, entdecken wir in unseren Wohnungen überraschend viele freie Ecken. Endlich haben wir die Kriegsflüchtlinge, die wir uns immer gewünscht haben. Weil sie zu uns passen.
Als Afghanen an Flugzeugtriebwerken hingen, riefen CDU-Politiker im Wahlkampffieber: »2015 darf sich nicht wiederholen.« Das gilt jetzt selbstverständlich nicht mehr. Der innenpolitische Sprecher erklärt in einem Radiointerview: »Es ist für jeden verständlich, und für mich auch selbstverständlich, dass wir selbstverständlich unseren europäischen Binnenflüchtlingen hier in erster Linie helfen, Schutz und Obhut gewähren.« Dreimal »verständlich« in einem Satz. So selbstverständlich ist inzwischen Rassismus in der CDU. So selbstverständlich, wie selbstverständlich fast der gesamte Bundestag aufsteht und klatscht, wenn der Kanzler einhundert neue Milliarden für den Krieg aus dem Schlüpfer zieht. Die Bundeswehr wurde kaputtgespart. Einhundert neue Milliarden! Die alte Verteidigungsministerin hätte davon eintausend neue Berater angeschafft, die bei einem Stundensatz von zwei Riesen sechs Jahre hätten beraten können, warum den Soldaten Schlüpfer fehlen.
Aber wir haben Zeitenwende. Jetzt werden Haubitzen gekauft, Panzer, Munition. Wer da nicht aufsteht und klatscht, der ist für Putins Krieg. Seit den einhundert neuen Milliarden ist der Aktienkurs von Rheinmetall um fünfzig Prozent gestiegen. Im selben Zeitraum sank der Kurs von Hugo Boss um fünfzig Prozent. Neue Schlüpfer werden es wohl nicht. Unsere Soldaten müssen weiter frieren. Da frieren wir selbstverständlich mit. Für die Sicherheit der Ukraine. Gas von einem Kriegsverbrecher wollen wir selbstverständlich nicht. Aber wenn Krieg Krieg wäre, dann wäre Kriegsverbrecher auch Kriegsverbrecher. Egal wo der Kriegsverbrecher seine Kriegsverbrechen verbricht. Als die USA in Afghanistan abwechselnd Hochzeitsgesellschaften und Ziegenhirten bombardierten, forderte selbstverständlich keiner den Importstopp von Rohöl, IPhones oder Coca-Cola. Tina Turner musste ihre Welttournee nicht absagen, obwohl sie selbstverständlich mit George W. schonmal gemeinsam Weihnachten feierte. Wir stoppen North Stream 2. Die Außenministerin sagt, die Deutschen sind bereit, für die Sicherheit der Ukraine einen hohen Preis zu zahlen. Wegen unserer moralischen Werte. Norbert Röttgen fordert sogar ein Öl-Embargo. Ich bin selbstverständlich dafür. Putin ist ein Kriegsverbrecher und ich bin E-Bike-Fahrer.
Aber wenn Kriegsverbrecher Kriegsverbrecher wären, dann wären wir selbstverständlich bereit, auch für die Sicherheit des Jemen einen hohen Preis zu zahlen. Kein Öl mehr aus Saudi-Arabien. Wegen unserer moralischen Werte. Der Preis läge dann bei zwölf Euro den Liter Super. Dann wäre Krieg in Deutschland. Putin bräuchte uns nicht mal mit der Atombombe zu drohen. Unser Frieden wäre in dem Moment vorbei, in dem unsere moralischen Werte unsere moralischen Werte würden. Weil wir selbstverständlich für den Frieden wären. Überall auf der Welt. Auch dort, wo unsere Rohstoffe für unsere Smartphones und Elektroautos liegen. Selbstverständlich wären wir dann für Embargos von Coltan, Nickel, Lithium und Seltenen Erden. Wegen unserer moralischen Werte. Die Frage, was dann ein IPad kosten würde, stellt sich nicht – es gäbe keine IPads mehr. Keine Laptops. Keine Teslas. Elon Musk müsste mit einer Seifenkiste ins Weltall fliegen. Es gäbe keine Thermostate, keine Bitcoins, keine Herzschrittmacher. Nicht einmal E-Bikes. Weil es für unsere Elektronikchips keine Rohstoffe ohne Kriege gibt. Und weil wir für den Frieden sind, wären wir selbstverständlich bereit, ohne all das auszukommen. Das wäre eine Zeitenwende. Wir würden unsere analogen Fotoapparate vom Dachboden holen, Blende und Verschlusszeit schätzen und den Frieden fotografieren. Denn egal wo, Frieden wäre Frieden.

EIN SCHLAFSCHAF SAGT DANKE (Jan 2022)

Rückblickend auf 2021, möchte ich einmal „Danke“ sagen! Danke – auch im Namen aller Schlafschafe!
Mein herzlicher Dank geht zunächst an all die wackeren Widerstandskämpfer, an die Janas aus Kassel, Bielefeld und Wurzen! Danke Euch hart gesotten Corona-Leugner, danke für die vielen vielen schönen Momente, die ihr uns Schlafschafen in den letzten zwei Jahren geschenkt habt!

Danke all ihr tapferen Widerstandskämpfer, danke all ihr Attillas und Schiffmanns, ihr habt uns in dunkler Zeit Hoffnung gegeben.
Zum Beispiel als ihr behauptet habt, M-RNA-Impfstoffe würden die menschlichen Gene verändern – und wir dachten: Gerade bei Euch wäre das auch eine Chance!

Danke für Euren Mut, Eure Courage, in Euren Telegram-Kanälen all die Schweinereien aufzudecken: Impfungen würden unfruchtbar machen! Und, als wäre das noch nicht schlimm genug: Diese Unfruchtbarkeit sei sogar vererbbar!

Und wir möchten einmal Danke sagen, auch im Namen der vielen Krankenschwestern und Pflegern auf den Intensivstationen, wenn ihr kurz vorm künstlichen Koma in den Sauerstoff geröchelt habt, eure größte Sorge wäre, dass man euch im Koma heimlich impft. Danke! Von Eurem Humor hätten wir manchmal gern ein wenig abgehabt!

Nicht vergessen wollen wir die vielen vielen unbekannten Widerstandskämpfer im Alltag – Ein großes Danke auch an Euch, die ihr euch im Supermarkt trotzig ohne Maske durch die Gänge gerotzt und als revolutionären Akt in die Radieschen gehustet habt. Es ist der kleine Widerstand, der zählt! Denn viele kleine Tröpfchen werden irgendwann zum reißenden Strom!

Aber eine Sache gibt es, für die ich all den 5-Sterne-Schwurblern und Coronaleugnern einmal ganz besonders danken möchte! Dank Euch durfte ich mich in den letzten zwei Jahren so richtig gut fühlen. Zu wissen, ich stehe auf der richtigen Seite! Mir einmal im Leben vollkommen sicher zu sein: Ich gehöre zu den Guten! Einmal ohne Scham sagen zu können: Ja, ich bin ein besserer Mensch! Für dieses erhabene Gefühl der moralischen Überlegenheit hätte ich früher in Filz eingewickelt mit dem Lastenfahrrad zum verpackungslosen Bioladen strampeln müssen! Oder in die LINKS-Partei eintreten! Heute reichen zwei/drei Piekse in den Oberarm und ich darf mir ohne falsche Gewissensbisse vorstellen, wie ich winkend am erstickenden Impfgegner vorbei in die ITS geschoben werde, und dem Oberarzt zwinkernd zuflüstere: „Selber schuld, das Opfer!“

Danke! Ihr habt uns bessere Deutschen zueinander geführt! Ihr habt uns unseren gerechten Zorn zurückgegeben! Dank euch dürfen wir endlich wieder das sein, was wir am besten können: Moralisch, hämisch, deutsch!

Wisst ihr, liebe Super-Schwurbler, liebe ungeimpfte Gelbe-Stern-Träger und Judenverfolgungs-Vergleicher, machmal würde ich selbst gern demonstrieren gehen, gemeinsam mit den vielen anderen Normalbürgern und Nichtnazis auf den Straßen – gegen absurde Maßnahmen-Orgien, gegen 2Gplus an ungeraden Tagen bei Viertelmond, gegen Theaterverbot bei vollen Fussballstadien, gegen Bettenabbau und die Ruinierung der Einzelhändler. Aber gemeinsam mit Euch auf einer Demo? Danke, dass es euch gibt, sonst müsste ich noch raus in die Kälte.

Corona-Leugner, ihr redet von Spaltung? Im Gegenteil! Ihr, liebe Impfgegner, ihr habt dieses Land zusammengeführt und endlich zu einem Ort des multikulturellen, toleranten, respektvollen Miteinanders gemacht! Ihr habt die Grenzen zwischen arm und reich verschwinden lassen, ihr habt dieses Land zu einem Land gemacht, wo einjeder wieder mit dem Finger auf andere zeigen darf. Egal ob alter, weißer Abteilungsleiter, lesbische Putzfrau aus Syrien oder schwarzer, binärer Bitcoin-Millionär: In den Reigen der Guten darf sich einjeder unterhaken und auf die Idioten schimpfen!
Denn wir sind alle gleich!
Hauptsache geimpft!

DER BIERGLASWURF (2020)

Textbeitrag anlässlich der Erinnerung an Bücherverbrennung in Dresden, bei der Veranstaltung „Wir dürfen das Erinnern nicht vergessen“ im Dresdner Friedrichstattpalast

Meine Damen und Herren, seit Januar bin ich Künstlerischer Leiter der Herkuleskeule. Meine Arbeit begann am 11. Januar abends mit einem Anruf. Ich spiele gerade mit meinen Kindern und meiner Freundin ein Brettspiel – da teilt mir ein Kollege mit, ein paar Zuschauer aus Cottbus hätten die 17-Uhr-Vorstellung gestört, rassistische Zwischenrufe, „Scheiß Asylanten“, ein Bierglas sei geflogen, der Schauspieler sei unverletzt, die Polizei sei da. Ich habe das Telefon auf laut gestellt, meine Kinder hatten mitgehört, mein Dreizehnjähriger fragt ins Telefon, ob die Polizisten die Nazis verhaftet hätten. Mein Kollege antwortet: Das nicht, aber sie hätten die Personalien aufgenommen. Ich erklärte meinem Sohn, in Sachsen könne man da durchaus schon von einem harten Durchgreifen der Polizei sprechen.
Als ich auflege, sagt meine Freundin: „Pass auf, morgen steht es in der Zeitung!“

Am nächsten Morgen, ich will gerade Frühstück machen, kommt meine Freundin in die Küche, abfahrbereit – Geburtstagsfeier der Oma – zeigt mir aber noch ihr Handy, bei Welt-Online steht: Rassistischer Übergriff in Dresdner Kabaretttheater. Und bevor sie aus der Wohnungstür geht, ruft sie mir noch zu, bei Radio-Dresden hätten sie es auch schon gebracht.

In diesem Moment klingelt das Telefon: Eine bekannte, große, bunte Tageszeitung. In welchem Krankenhaus denn der verletzte Schauspieler liege? Ich sage, der Schauspieler ist unverletzt und in zwei Stunden werde ich eine Pressemitteilung herausgeben.

Eine Minute später klingelt das Telefon, Morgenpost. Eine Minute später klingelt das Telefon: DPA.

Eine Minute später klingelt das Telefon: eine bekannte, große, bunte Tageszeitung. Ob die zwei Stunden jetzt vorbei seien?

Nachdem ich mit den beiden Schauspielern und dem Techniker telefoniert hatte, veröffentliche ich auf unserer Facebookseite die Pressemitteilung, in der ich die bisher bekannten Fakten zum Vorfall beschreibe, vor allem: Der Schauspieler ist unverletzt – und abschließend formuliere: „Über verschiedene Meinungen können, nein, müssen wir gemeinsam reden, uns streiten. Aber nicht mit Biergläsern!“

Eine Minute später klingelt das Telefon, eine bekannte, große, bunte Tageszeitung. Man hätte jetzt die Pressemitteilung aufmerksam gelesen und wolle nur wissen, in welchem Krankenhaus denn der verletzte Schauspieler liege? Ich sage: „In der Pressemitteilung steht doch: Der Schauspieler ist unverletzt.“ – Jaja, das hätte man schon gelesen, aber es hätte ja sein können, dass sich sein Zustand inzwischen verschlechtert habe. Und überhaupt, man wolle jetzt doch lieber selbst mit dem Schauspieler sprechen, Telefonnummer bitte! „Die gebe ich ihnen nicht“ – „Warum denn nicht?“ – „Weil ich die ihnen nicht gebe!“ – „Ungeheuerlich!“
Ich werde lauter, meine Tochter kommt in mein Büro und fragt, ob das wegen meiner neuen Arbeit ist. Und Hunger hätten sie beide auch so langsam.

Im Telefon klopft es, ich lege auf, nehme ab: Radio MDR-Sachsen, ob ich am späteren Nachmittag für ein telefonisches Liveinterview bereitstünde? Ich erkläre, dass ich am frühen Nachmittag schon ein Telefoninterview mit dem Saarländischen Rundfunk führen werde, und frage, ob sie die Kollegen dort nicht bitten könnten, dieses Interview ebenfalls senden zu dürfen, da ich ja dort auch nichts anderes sagen würde als bei ihnen. Langes Schweigen am anderen Ende der Leitung. Im Telefon höre ich nur das Klopfen des nächsten Anrufers. Dann die Antwort, das telefonische Liveinterview wäre dann 17:23 Uhr.

Drei Stunden und acht Interviews später. Meine Tochter ruft, sie hätten immer noch Hunger, aber ich muss erst noch dringend die Facebook-User-Kommentare unter meiner Pressemitteilung lesen.

Eine Userin schreibt:
Die linksfaschistische „Hetze von der Bühne ist für mich und meine Frau nicht mehr akzeptabel.“
Andere User fragen, warum die Nationalität der Störer genannt wurde. Bei jedem Messermord würde die Nationalität verschwiegen und überhaupt, Leipzig-Connewitz würde totgeschwiegen, wir seien nur noch die Arschmaden der Systemparteien und der elfte September war ein inside-job.

Am Abend, Landesfunkhaus, Vorbereitung für ein Fernsehinterview mit MDR-Aktuell. Ich sitze in der Maske, meine Jugendweihe-Anzug spannt, ich telefoniere mit unserer Büroleiterin, sie fragt, ob ich gegen 23 Uhr noch ein Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur machen könne. Ich bitte sie, ab sofort allen Pressevertretern mitzuteilen, ich stünde nur noch für die internationale Presse zur Verfügung, CNN, FOX-News, Al-Dschasira … die Frau von der Maske lächelt … und natürlich dem Mitteldeutschen Rundfunk.

Nach dem Fernsehinterview ein Anruf meiner Tochter. Sie sagt: „Jetzt haben wir uns selber was zu essen gemacht. Brötchen mit Ketchup!“

Der nächste Morgen beginnt mit einem Anruf der Dresdner Morgenpost. Die Journalistin erklärt mir, die Cottbuser Störer hätten doch der Schauspielerin „Ausziehen“ zugerufen, und ob es nicht schlichtweg sein könne, dass die sich in der Veranstaltung geirrt, also ein Cabarét statt Kabarett erwartet hätten, keine Satireshow, sondern eine Sexshow? Ich lache und sage: „Genau so ist es gewesen! Endlich haben Sie die Wahrheit rausgefunden!“ – Die Journalistin fragt: „Darf ich Sie zitieren?“

Auf Facebook lese ich den Post eines Users. Er hat leider festgestellen müssen, dass der neue Künstlerische Leiter der Herkuleskeule widerlichste Fake-News verbreitet. Beweis: In der Pressemittelung des Leiters stünde: „Über verschiedene Meinungen können, nein, müssen wir gemeinsam reden, uns streiten. Aber nicht mit Biergläsern!“ BiergläsERN! Im Polizeibericht sei aber nur von einem Bierglas die Rede!

An diesem Tag gebe ich etwa zehn Interviews, Freie Presse, FAZ, Berliner Zeitung, die bekannte, große bunte Tageszeitung erkundigt sich, wann die Trauerfeier für den Schauspieler sei, und das ZDF will einen Auslandskorrespondenten nach Sachsen schicken. Einen erfahrenen Kriegsreporter.

Ich habe Post. Eine email von einer Monika Marschner.
Sie schreibt:
„Ich bin tief beleidigt durch Ihre Worte im Radiointerview, dass Sie die AfD als faschistische Partei bezeichnen.
Ich bin Stadträtin und Mutter von 3 Kindern – habe 4 Enkel und in meiner Familie gibt es sicher mehr Menschen mit ausländischen Wurzeln, wie Sie es von sich sagen können.“

Guter Punkt, denke ich. Dafür habe ich in meinem Bekanntenkreis mehr Homosexuelle. Falls es zur Auszählung kommt, bin ich der größere Antifaschist.

Dann lese ich weiter und erfahre das wahre Anliegen von Frau Marschner:

„Ich habe Gutscheine geschenkt bekommen für Ihr Unternehmen und möchte diese aufgrund des Vorfalls zurückgeben und verlange mein Geld zurück.“

Ich möchte ihr antworten und schreiben, dass die Gutscheine doch auch für die Gastspiele von Uwe Steimle Gültigkeit besäßen, lasse es aber und formuliere stattdessen freundlich, dass sie die Gutscheine selbstverständlich zurückgeben könne, eine Auseinandersetzung mit anderen Meinungen sei ihr wirklich nicht zuzumuten.

Am dritten Tag nach dem Bierglaswurf gebe ich nur zwei Interviews. Ich bin verzweifelt. Ich komme mir regelrecht bedeutungslos vor.
Meine Tochter tröstet mich und bringt mir etwas zu essen. Müsli mit Maggi.

Meine Damen und Herren, vor einigen Tagen hatte ich ein letztes Interview. Ich erzählte dem Journalisten, dass ich heute bei einer Veranstaltung zur Bücherverbrennung teilnehmen und von dem Vorfall in der Herkuleskeule berichten werde. Er schaute mich irritiert an und sagte: „Sie meinen sicherlich eine Gedenkveranstaltung zur Bücherverbrennung“ und ich dachte: Stimmt, in diesen Zeiten, bei dieser Presse, sollte ich das unbedingt dazu sagen.
Sonst bekomme ich am Ende noch eine Kiste Bücher in die Hand gedrückt.

EINE DUMMHEIT.
ABER EINE, DIE VON HERZEN KOMMT! (DEZ.2018)

Dezember, Zeit der Jahresrückblicke. Ich blicke dieses Jahr vor allem auf Chemnitz zurück. Seit Chemnitz hat sich etwas verändert. Seit Chemnitz ist der Ton noch schärfer, noch gröber, noch hässlicher geworden. Und deshalb müssen wir heute, fast ein halbes Jahr später, noch einmal darüber reden.

Seit Chemnitz höre ich immer wieder den Satz: „Das waren doch ganz normale Leute! Ganz normale Leute war’n das auf dem Trauermarsch!“

Ja selbstverständlich: Wenn überhaupt Nazis unter den Trauernden waren, dann ganz vereinzelt – und das sagen die Leute in einem Ton der Selbstverständlichkeit: „Naja, ob nun auf Arbeit, im Heimatverein, in der Klasse vom Großen oder in der Familie: Ein paar Nazis hast du immer dabei!“

Und keiner hat was mitgekriegt! Es gibt Tonnen an Videomaterial, aus hunderten Kameraperspektiven. Aber Hitlergrüße? Weiß ich jetzt nicht, was Sie da gesehen haben wollen. Hitlergrüße – also wenn, dann waren die ganz vereinzelt – also da waren vielleicht eine Handvoll dabei, also maximal drei, also wenn es hochkommt: Einer! Einer vielleicht, und bei dem weiß man auch nicht, war es überhaupt der rechte Arm, und wenn es der rechte war, dann war das einer von der Lügenpresse, der wieder Bilder produzieren wollte, der wieder auf die Sachsen draufhauen wollte, der wieder Lügen verbreiten wollte. Wie schon Wochen vorher in Dresden, „Sie begehen eine Strofdod!“, wo unbescholtene Bürger, unschuldige LKA-Beamte, die gerade ihr gesetzlich garantieres Recht auf Rassismus ausüben, wo kein Volksgerichtshof irgendwas zu beanstanden hätte, und schon gar kein Dresdner Richter wie unser Kamerad Jens Maier. Wo diese aufrechten Rechten behelligt werden, verfolgt werden, von der Medien-Gestapo, das hatten wir doch alles schonmal, dass Leute, die das Maul aufmachen, gejagt werden, um sie mundtot zu machen, weil sie Angst haben vor unserer Meinungsfreiheit. Wenn junge deutsche Burschen in Chemnitz rufen „Ein toter Ausländer für einen toten Deutschen!“ – ja zugegeben, schön ist das nicht, das ist jetzt nicht gerade Knigge, aber mein Gott, lasst doch die jungen Leute sich austoben. Und deshalb sind ja die Ausländer in Chemnitz erst abgehauen. Wo der Staatsfunk hinterher gesagt hat, das wären Menschenjagden gewesen. Dabei war es doch so: Die sind abgehauen vor den ganz normalen Leuten in Chemnitz, weil sie nämlich die deutsche Meinungsfreiheit nicht aushalten. Das ist wissenschaftlich erwiesen, das hat der Politikprofessor Werner Patzelt aus Dresden gesagt: Keine Menschenjagden, nein, das war, aufgemerkt: „Nacheileverhalten“! So sieht es aus! Nacheileverhalten!

Bei einem Nacheileverhalten eilt der Nacheilende einem Vorauseilendem eilig nach.

Klingt das nach Menschenjagd? Nein, das klingt nach Hölderlin!

Das waren alles ganz normale Leute! Sagen die Leute!
Das waren Krankenschwestern, Verkäuferinnen, Lehrer und Müllfahrer, ganz normale Leute! Da war kein einziger Nazi dabei! Ich werde doch wohl noch einen Nazi erkennen! Ein Nazi, der hat Stiefel an und ist oben ohne Haare! Der Hitler war kein Nazi! Der hatte Haare obenrum! Der Hitler, das war ein Provokateur! Vom ZDF! Ein eingeschleuster Provokateur! Der war doch V-Mann! Der war doch von der Antifa! Der Hitler, der hat doch die Deutschen erst provoziert! Na klar, der wollte Bilder liefern, damit dann hier später die Russen einmarschieren können! Das waren doch damals alles ganz normale Leute, Ärzte, Richter und Chemiker, da war doch kein einziger Nazi dabei! Und das mit den Konzentrationslagern – das war doch eine Erfindung von der alliierten Lügenpresse! Weil, wenn Du Dir mal die Originalaufnahmen anguckst, die nicht bearbeiteten Original(!)-Aufnahmen, aus der Wochenschau – da war kein einziges KZ dabei! Und wenn diese linksextremen Elemente in der SPD den Hans-Georg-Maßen nicht aus dem Verfassungsschutz gehetzt hätten, dann hätte der das auch noch stichhaltig bewiesen, genauso wie, dass die Merkel eine Provokateurin vom CIA ist, die den Auftrag hat, die deutsche Umvolkung, den Bevölkerungsaustausch voranzutreiben.

Satire soll ja provozieren. Sagen die Leute.
Und was ich jetzt sage, ist nicht einmal wirklich eine Provokation, es ist eine Dummheit. Aber eine Dummheit, die von Herzen kommt:

Meine Damen und Herren, wenn schon Umvolkung, wenn schon Bevölkerungsaustausch: Dann bitte zuerst in Chemnitz!

Ich habe es satt, dieses Verständnis-heuchelnde Geplapper. Nein, das sind keine abgehängten Wendeverlierer. Wer bei „Ausländer raus“ mitruft, mitklatscht – wer bei „Sieg Heil“-Rufen nicht augenblicklich den Trauermarsch verlässt, den müssen wir nicht bedauern, den müssen wir fragen, ob er noch ganz dicht ist! Ich mag es nicht mehr hören, dieses entschuldigende In-Schutz-Nehmen von ein paar zurückgebliebenen Ostdeutschen, die zum Glück in der Minderheit sind – die meisten Ostdeutschen sind nämlich Menschen, die noch ganz richtig im Kopf sind, das sind ganz normale Leute! Und ja, Rechtsextremismus und Hetze gibt es auch in Westdeutschland, keine Frage! Aber nach Köthen, Dresden, Chemnitz, Freital, Heidenau, Pirna, Meerane, Bautzen, Plauen und Zwickau möchte ich nicht mehr drum herumreden!
Nein! Wir ein Problem in Ostdeutschland!

REDE ANLÄSSLICH DER BEWERBUNG DRESDENS ALS KULTURHAUPTSTADT (AUG.2017)

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Philipp Schaller und ich bin Dresdner. Ich wurde gebeten, heute hier anlässlich der Eröffnung des Kulturhauptstadtbüros eine kleine Rede zu halten.

Zwei Wünsche hatte man an mich: Zum einen solle meine Rede satirisch sein, sie solle ruhig auch „kritisch werden“, zum anderen – quasi im selben Moment – solle aber meine Rede Dresdens Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas prinzipiell positiv gegenüber stehen. Satirisch, kritisch, aber prinzipiell positiv. Gleichzeitig! In einer Rede! Ich muss sagen, ich hatte schon leichtere Schreibaufträge.

Dresden möchte also Kulturhauptstadt Europas werden. Meine Heimatstadt, die ich liebe, in der ich geboren wurde, in der nun auch meine Kinder aufwachsen, meine Stadt, in der ich erst in den Pillnitzer Kindergarten ging und dann in Oberpoyritz eingeschult wurde, meine Stadt, an deren Elbwiesen ich wenig später die erste Frau geküsst, und seitdem so manchen Sonnenuntergang erlebt habe, mein Lieblingsplatz auf der Höhe des Rosengartens, die Picknickdecke mit Kaffee und Eierschecke ausgebreitet, um mich herum knutschende Liebespaare, Langzeitstudenten an ihren Würstchengrills und Zwölftklässler an illegalen Lagerfeuern, links der Blick auf die friedlich zuckelnde Johannstädter Fähre, rechts der Blick auf die Albertbrücke, über welche gerade eine gelbe Strassenbahn quietscht, irgendwo dahinter muss das Albertinum sein, die Neuen Meister, in die ich schon immer mal wieder gehen wollte, das Grüne Gewölbe, die Türkische Kammer, die Porzellansammlung, hinter mir die Neustadt mit ihren hundert Küchen und meinem zweiten Wohnzimmer, der Schauburg, vor mir ein Raddampfer mit Jazzkapelle auf Achtern, der schließlich den Blick freigibt auf das gegenüberliegende Käthe-Kollwitzufer, an dem ein paar Halbwüchsige knietief in der Elbe stehen. Meine Stadt, eine Stadt zum Verlieben. Meine Stadt, für die ich mich in den letzten drei Jahren in einem Maße geschämt habe, dass ich manchmal hoffte, der Künstler Christo möge sich erbarmen und Dresden verhüllen. Einpacken und mitnehmen!

Meine Stadt, bei der Einwohner und Gäste den Eindruck gewinnen mussten, sie wäre plötzlich von einer ansteckenden Hysterie heimgesucht worden, einer über Nacht ausgebrochenen Massenpanik vor der Islamisierung des Abendlandes, als stünde der Islamische Staat kurz vor Bad Schandau, das Dresdner Ordnungsamt kurz vor der Einführung der Scharia, und als sei es nur eine Frage der Zeit, bis im Dresdner Christstollen keine Rosinen mehr steckten, sondern nur noch Sultaninen.

Ich habe gehört, die Demonstrierenden auf dem Theaterplatz hätten Angst. Angst davor, dass es in Deutschland irgendwann mehr Moslems als Christen gibt, weil, so die Aussage eines Demonstrationsteilnehmers, Moslems bis zu viermal mehr Kinder kriegen. Wenn das wirklich eure Angst ist, habe ich mich gefragt, was steht ihr dann noch rum? Geht nach Hause und zeigt dem Moslem, wo im Abendland der Hammer hängt! Die Semperoper hatte wohl denselben Gedanken und hat hilfsbereit das Licht ausgeschaltet. Doch statt sich endlich zu lieben, haben die Menschen „Kamelficker“ gerufen. In meiner Stadt!

Ich stand auf der Gegendemo und die Gegendemonstranten riefen im Chor „Rassistenpack“. Ich konnte nicht mitrufen. Menschen sind kein Pack. Auch nicht montags. Punkt.

Und ich fragte mich: „Sind das tatsächlich alles Rassisten?“ Keine Frage, wer „Muselmänner“ und „Kümmelfresser“ krakeelt, der ist vermutlich kein Kosmopolit im strengen Sinne. In dieser Zeit traf ich einmal im Treppenhaus einen meiner Nachbarn. Er prägte den denkwürdigen Satz: „In diesem Land darf man ja nichts mehr sagen. Es reicht schon, wenn du sagst, dass du die KZ’s wieder aufmachen willst, da bist du ja gleich ein Nazi!“

Unvergessen auch die Freitalerin, die vor einem Flüchtlingsheim mit einem Stein in der Hand in die Kamera sagte: „Natürlich werfen wir mit Steinen. Aber doch nicht auf Deutsche!“

Und ganz sicher sind auch die Mitglieder der Freitaler Terrorgruppe Rassisten. Überhaupt: Wenn man die Komik ebenso wie die Traurigkeit dessen, was wir seit drei Jahren in Dresden erleben, in einer Geschichte beschreiben wöllte, dann wäre es die Geschichte der Terrorgruppe Freital. Vergegenwärtigen Sie sich bitte: Ein Klempner, ein Pizzabote und ein Busfahrer bauen Bomben. Jetzt sitzen sie als Angeklagte in einem extra für sie ausgebauten Hochsicherheitssaal. Und wo? In einem nicht mehr benötigten Flüchtlingsheim! Wenn man diese Geschichte in einem Film erzählen würde, dieser Film wäre irgendetwas zwischen Mafiafilm und Spuk unterm Riesenrad.

Aber ich habe eben auch von einer Frau gelesen, die sich jedes Wochenende ehrenamtlich im Flüchtlingsheim engagierte, und trotzdem montags auf den Theaterplatz zog. Ist diese Frau Rassistin? Was passiert in meiner Stadt?

Irgendwann feierten die Spaziergänger ihren ersten Geburtstag, Tausende vor der Semperoper, ich in der Gegendemo vor dem Taschenbergpalais. Und ich sah, wie Menschen verprügelt wurden, die zum Theaterplatz wollten. Dort sangen die Spaziergänger Lieder und schwenkten Displays und Feuerzeuge über ihren Köpfen, und ich dachte: Inhaltlich scheiße, aber vom Feeling her: EINS A! Und ich fragte mich: Wo würde ich jetzt in diesem Moment lieber stehen? Rein vom Feeling her? Wenn ich nur die Stimmung fühlte, und nicht die Parolen hörte, nur diese anheimelnde, wohlige Wärme, ich hätte mich nicht gewundert, wenn plötzlich Reinhard Mey die Bühne betreten hätte.

An diesem Abend wurde mir klar, dass PEGIDA – eigentlich wollte ich das Wort PEGIDA in dieser Rede vermeiden – aber mir wurde klar, dass PEGIDA in meiner Stadt eine seit Jahren weit klaffende Lücke füllte, die offenbar weder die Semperoper, noch die Dresdner Theater, die Filmnächte, ja noch nicht einmal das Stadtfest zu schließen vermocht hatten: Ein Ort der Gemeinschaft, des WIR-Gefühls. Es ist ja geradezu beruhigend, dass Roland Kaiser inzwischen wieder mehr Zuschauer anlockt als PEGIDA. Meine persönliche, etwas böswillige Vermutung, dass es zwischen beiden Gruppen eine nicht unbeachtliche Schnittmenge gibt, tut hier nichts zur Sache, denn wenigstens bleiben die Transparente und gebastelten Galgen zuhause. Und auch wenn es mir als musikalischem Feingeist widerstrebt, das zuzugeben: Auch gesanglich hat der Kaiser mehr drauf als Lutz Bachmann.

An diesem Abend hatte ich zum ersten Mal den Gedanken, dass die Flüchtlinge nicht die Ursache, ja nicht einmal der Anlass, sondern lediglich eine Gelegenheit für das Erstarken von PEGIDA sind. Weil: In Deutschland ist ein anheimelndes, wohliges Gemeinschafts- und WIR-Gefühl immer noch am Besten mit Ausgrenzung und Hetze zu erreichen.

Dresden bewirbt sich also als Kulturhauptstadt. Meine Stadt, die, so mein Eindruck, PEGIDA lange Zeit vorwiegend als Imageproblem betrachtet hat. Regelmäßig wurden die neuesten Tourismuszahlen und unbelegten Betten bekannt gegeben, PEGIDA schadet dem Umsatz in den Einkaufsstraßen, internationale Wissenschaftler meiden die Stadt. Ein Image-, Konsum- und Standortproblem. Mehr nicht. Es blieb an Frank Richter hängen, der dann schließlich doch mit Oberbürgermeister Hilbert zum Bürgerdialog in die Kreuzkirche lud, um PEGIDA einmal nicht als Imageproblem, sondern als ein Problem einer gespaltenen Bürgerschaft anzugehen. Weil doch in erster Linie Dresden selbst ein Problem hat. Ein Dialog war nicht möglich. Der Versuch war trotzdem wichtig. Der eigenen Würde wegen!

Diese Stadt bewirbt sich also als Kulturhauptstadt Europas. Eine Stadt, wo sich am Tag der Deutschen Einheit hunderte Idioten versammelten, um einen dunkelhäutigen Ehrengast mit Affenlauten zu begrüßen. Eine Stadt, in der das blosse Ausstellen von Kunstwerken auf dem Neumarkt – die Wölfe, die Busse, das Denkmal für den permanenten Neuanfang – ausreicht, dass sich die Menschen gegenseitig anbrüllen. So dass ich, der die Wölfe so lala, die Busse genial und das Denkmal für den Dingsdabumms schrecklich fand, nur darum bitten kann, dass das Kulturamt ab sofort jeden Tag zehn bis zwanzig Kunstwerke einweiht und von Pieschen bis Laubegast, von Gorbitz bis Klotzsche, die Stadt mit Skulpturen und Plastiken zupflastert, damit die Schreihälse irgendwann heiser werden und, nach einem Moment des Schweigens und des damit erzwungenen Innehaltens, Luft holen, neu ansetzen und vielleicht doch noch zum Dialog finden.

Meine Damen und Herren, das war der satirisch-kritische Teil. Sie können entspannen. Kommen wir zum Positiven.

PEGIDA hat nämlich, und dafür sollten wir dankbar sein, auch die schönsten Kräfte der Stadt mobilisiert. Menschen, die ihre Stadt nicht den Spaziergängern überlassen wollten. Freiwillige, abfällig als „naive Gutmenschen“ bezeichnete Dresdner, die beim Aufbau der Flüchtlingscamps halfen, Möbel und Spielzeug organisierten, Deutschunterricht gaben, Geflüchteten das Fahrradfahren beibrachten, Malkurse, Tanzkurse, Joggen an der Elbe, Konzerte, gemeinsam kochen. Kurz: Kultur! Ein Mann aus Syrien sagte mir einmal auf der Hamburger Strasse: „Ich hab gar nicht so viel Zeit wie ich Angebote bekomme.“ Aus der Banda Kommunale wurde die Banda Internationale. Der Musiker Paul Hoorn trommelte mit Kindern in der Zeltstadt und fünfzehn gut gekleidete MusikerInnen des philharmonischen Kammerorchesters spielten ebenda für einhundert in Decken gehüllte Geflüchtete die Vier Jahreszeiten, der Leiter Wolfgang Hentrich erklärte den Menschen aus Nordafrika, wie sich bei uns der Winter anfühlt. Das ist Kultur! Ich hatte das Glück, dabei sein zu dürfen.

Vor zwei Wochen saß ich im Park des Japanischen Palais. Tausende Menschen hörten ein Gespräch mit Richard David Precht und Christian Felber über das Bedingungslose Grundeinkommen und die Zukunft der Arbeit. Denn das sind die gesellschaftlichen Umwälzungen, die uns demnächst beschäftigen werden, und deren Vorglühen bereits heute viele Menschen an die rechten Versammlungsorte treibt, zu PEGIDA oder in die AfD. Den Dresdnern einen alternativen Ort für solche Themen zu bieten, das ist – gestatten Sie mir den kurzen Anflug von Pathos – aber das ist für mich Friedensarbeit. Einen Dank an den Initiator Jörg Polenz, für mich ein überfälliger Kandidat für den nächsten Dresdner Kunstpreis.

Meine Stadt also, die auch diese Schönheit zu bieten hat, bewirbt sich als Kulturhauptstadt Europas. Herzlichen Glückwunsch!

Wenn ich das Bewerbungskonzept richtig verstanden habe, dann unternimmt es gar nicht erst den Versuch, den Riss durch die Bürgerschaft zu verschleiern, sondern macht sie zum Thema. Um ehrlich zu sein, soviel Mut hätte ich dem Rathaus nicht zugetraut. Meiner Meinung nach, ist das der einzige Weg, damit die Bewerbung Dresdens als Kulturhauptstadt nicht als peinlicher Witz endet, über den dann nur noch die Zyniker lachen können.

Die Bewerbung soll unter der Beteiligung der Dresdner Bürger geschehen. Einen ersten Vorgeschmack, wie Bürgerbeteiligung aussehen kann, bekam das Kulturamt, als sich die Freunde der Wiedereröffnung des Fernsehturms beschwerten, warum auf dem Hauptbewerbungsfoto der Fernsehturm fehle und ihn kurzerhand selbst hinein montierten. Jetzt steht er irgendwo neben der Babisnauer Pappel. Warum auch nicht. Ist sie nicht mehr so einsam.

Bis 2025 sollen verschiedene Mikroprojekte stattfinden, bei denen Bürger in ihren Stadtteilen aus dem Knick und ins Gespräch kommen können. Stellvertretend seien hier die Grunaer Nachbarschaftstage genannt, wo Bewohner diejenigen Orte, Gebäude, Grün- und Wasserflächen bestimmen sollen, die sie als bewahrenswert erachten. Oder die Installation „Wunschraumproduktion“, die von BürgerInnen aus Friedrichstadt gebaut werden soll, um über Themen wie Gentrifizierung, freie Räume für Künstler oder die Neunutzung von alten Industriegebäuden ins Gespräch zu kommen.

Mir ist bewusst, dass mein kleiner Redebeitrag nun am Ende in den Tonfall einer Jungpionierrede abrutscht, „mein Bezirk soll schöner werden“. Vielleicht stellt sich auch bald heraus, dass nichts davon aufgeht, dass 2025 die Gräben in der Stadt noch tiefer, und das Misstrauen untereinander noch größer geworden ist.

Ich kann nur hoffen, dass viele Dresdner die Chance erkennen, die sich durch diese Bewerbung bietet: Ein Miteinander, ein Gemeinsam, ein Streiten ohne Hass, und ein, von mir aus zähneknirschendes, Akzeptieren verschiedener Meinungen und Weltsichten. Wenn das das Ziel und ernsthafte Bemühen ist, dann lohnt sich diese Bewerbung, selbst wenn Dresden nicht Kulturhauptstadt werden sollte. Was mir zum Beispiel vollkommen wurscht wäre.

In meiner Stadt leben nicht nur Nazis und Gutmenschen, sondern Menschen, die einfach nur ihr Leben leben wollen, in ihrer Stadt, in die sie sich endlich wieder verlieben, und an deren Elbwiesen sie sitzen, grillen und knutschen wollen. Ohne sich schämen zu müssen.

Heute wird das Kulturhauptstadtbüro eröffnet. Ich wünsche allen MitarbeiterInnen viel Kraft, provokative Ideen, Gelassenheit und Humor.

(c) Philipp Schaller