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REDE ANLÄSSLICH DER BEWERBUNG DRESDENS ALS KULTURHAUPTSTADT (AUG.2017)

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Philipp Schaller und ich bin Dresdner. Ich wurde gebeten, heute hier anlässlich der Eröffnung des Kulturhauptstadtbüros eine kleine Rede zu halten.

Zwei Wünsche hatte man an mich: Zum einen solle meine Rede satirisch sein, sie solle ruhig auch „kritisch werden“, zum anderen – quasi im selben Moment – solle aber meine Rede Dresdens Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas prinzipiell positiv gegenüber stehen. Satirisch, kritisch, aber prinzipiell positiv. Gleichzeitig! In einer Rede! Ich muss sagen, ich hatte schon leichtere Schreibaufträge.

Dresden möchte also Kulturhauptstadt Europas werden. Meine Heimatstadt, die ich liebe, in der ich geboren wurde, in der nun auch meine Kinder aufwachsen, meine Stadt, in der ich erst in den Pillnitzer Kindergarten ging und dann in Oberpoyritz eingeschult wurde, meine Stadt, an deren Elbwiesen ich wenig später die erste Frau geküsst, und seitdem so manchen Sonnenuntergang erlebt habe, mein Lieblingsplatz auf der Höhe des Rosengartens, die Picknickdecke mit Kaffee und Eierschecke ausgebreitet, um mich herum knutschende Liebespaare, Langzeitstudenten an ihren Würstchengrills und Zwölftklässler an illegalen Lagerfeuern, links der Blick auf die friedlich zuckelnde Johannstädter Fähre, rechts der Blick auf die Albertbrücke, über welche gerade eine gelbe Strassenbahn quietscht, irgendwo dahinter muss das Albertinum sein, die Neuen Meister, in die ich schon immer mal wieder gehen wollte, das Grüne Gewölbe, die Türkische Kammer, die Porzellansammlung, hinter mir die Neustadt mit ihren hundert Küchen und meinem zweiten Wohnzimmer, der Schauburg, vor mir ein Raddampfer mit Jazzkapelle auf Achtern, der schließlich den Blick freigibt auf das gegenüberliegende Käthe-Kollwitzufer, an dem ein paar Halbwüchsige knietief in der Elbe stehen. Meine Stadt, eine Stadt zum Verlieben. Meine Stadt, für die ich mich in den letzten drei Jahren in einem Maße geschämt habe, dass ich manchmal hoffte, der Künstler Christo möge sich erbarmen und Dresden verhüllen. Einpacken und mitnehmen!

Meine Stadt, bei der Einwohner und Gäste den Eindruck gewinnen mussten, sie wäre plötzlich von einer ansteckenden Hysterie heimgesucht worden, einer über Nacht ausgebrochenen Massenpanik vor der Islamisierung des Abendlandes, als stünde der Islamische Staat kurz vor Bad Schandau, das Dresdner Ordnungsamt kurz vor der Einführung der Scharia, und als sei es nur eine Frage der Zeit, bis im Dresdner Christstollen keine Rosinen mehr steckten, sondern nur noch Sultaninen.

Ich habe gehört, die Demonstrierenden auf dem Theaterplatz hätten Angst. Angst davor, dass es in Deutschland irgendwann mehr Moslems als Christen gibt, weil, so die Aussage eines Demonstrationsteilnehmers, Moslems bis zu viermal mehr Kinder kriegen. Wenn das wirklich eure Angst ist, habe ich mich gefragt, was steht ihr dann noch rum? Geht nach Hause und zeigt dem Moslem, wo im Abendland der Hammer hängt! Die Semperoper hatte wohl denselben Gedanken und hat hilfsbereit das Licht ausgeschaltet. Doch statt sich endlich zu lieben, haben die Menschen „Kamelficker“ gerufen. In meiner Stadt!

Ich stand auf der Gegendemo und die Gegendemonstranten riefen im Chor „Rassistenpack“. Ich konnte nicht mitrufen. Menschen sind kein Pack. Auch nicht montags. Punkt.

Und ich fragte mich: „Sind das tatsächlich alles Rassisten?“ Keine Frage, wer „Muselmänner“ und „Kümmelfresser“ krakeelt, der ist vermutlich kein Kosmopolit im strengen Sinne. In dieser Zeit traf ich einmal im Treppenhaus einen meiner Nachbarn. Er prägte den denkwürdigen Satz: „In diesem Land darf man ja nichts mehr sagen. Es reicht schon, wenn du sagst, dass du die KZ’s wieder aufmachen willst, da bist du ja gleich ein Nazi!“

Unvergessen auch die Freitalerin, die vor einem Flüchtlingsheim mit einem Stein in der Hand in die Kamera sagte: „Natürlich werfen wir mit Steinen. Aber doch nicht auf Deutsche!“

Und ganz sicher sind auch die Mitglieder der Freitaler Terrorgruppe Rassisten. Überhaupt: Wenn man die Komik ebenso wie die Traurigkeit dessen, was wir seit drei Jahren in Dresden erleben, in einer Geschichte beschreiben wöllte, dann wäre es die Geschichte der Terrorgruppe Freital. Vergegenwärtigen Sie sich bitte: Ein Klempner, ein Pizzabote und ein Busfahrer bauen Bomben. Jetzt sitzen sie als Angeklagte in einem extra für sie ausgebauten Hochsicherheitssaal. Und wo? In einem nicht mehr benötigten Flüchtlingsheim! Wenn man diese Geschichte in einem Film erzählen würde, dieser Film wäre irgendetwas zwischen Mafiafilm und Spuk unterm Riesenrad.

Aber ich habe eben auch von einer Frau gelesen, die sich jedes Wochenende ehrenamtlich im Flüchtlingsheim engagierte, und trotzdem montags auf den Theaterplatz zog. Ist diese Frau Rassistin? Was passiert in meiner Stadt?

Irgendwann feierten die Spaziergänger ihren ersten Geburtstag, Tausende vor der Semperoper, ich in der Gegendemo vor dem Taschenbergpalais. Und ich sah, wie Menschen verprügelt wurden, die zum Theaterplatz wollten. Dort sangen die Spaziergänger Lieder und schwenkten Displays und Feuerzeuge über ihren Köpfen, und ich dachte: Inhaltlich scheiße, aber vom Feeling her: EINS A! Und ich fragte mich: Wo würde ich jetzt in diesem Moment lieber stehen? Rein vom Feeling her? Wenn ich nur die Stimmung fühlte, und nicht die Parolen hörte, nur diese anheimelnde, wohlige Wärme, ich hätte mich nicht gewundert, wenn plötzlich Reinhard Mey die Bühne betreten hätte.

An diesem Abend wurde mir klar, dass PEGIDA – eigentlich wollte ich das Wort PEGIDA in dieser Rede vermeiden – aber mir wurde klar, dass PEGIDA in meiner Stadt eine seit Jahren weit klaffende Lücke füllte, die offenbar weder die Semperoper, noch die Dresdner Theater, die Filmnächte, ja noch nicht einmal das Stadtfest zu schließen vermocht hatten: Ein Ort der Gemeinschaft, des WIR-Gefühls. Es ist ja geradezu beruhigend, dass Roland Kaiser inzwischen wieder mehr Zuschauer anlockt als PEGIDA. Meine persönliche, etwas böswillige Vermutung, dass es zwischen beiden Gruppen eine nicht unbeachtliche Schnittmenge gibt, tut hier nichts zur Sache, denn wenigstens bleiben die Transparente und gebastelten Galgen zuhause. Und auch wenn es mir als musikalischem Feingeist widerstrebt, das zuzugeben: Auch gesanglich hat der Kaiser mehr drauf als Lutz Bachmann.

An diesem Abend hatte ich zum ersten Mal den Gedanken, dass die Flüchtlinge nicht die Ursache, ja nicht einmal der Anlass, sondern lediglich eine Gelegenheit für das Erstarken von PEGIDA sind. Weil: In Deutschland ist ein anheimelndes, wohliges Gemeinschafts- und WIR-Gefühl immer noch am Besten mit Ausgrenzung und Hetze zu erreichen.

Dresden bewirbt sich also als Kulturhauptstadt. Meine Stadt, die, so mein Eindruck, PEGIDA lange Zeit vorwiegend als Imageproblem betrachtet hat. Regelmäßig wurden die neuesten Tourismuszahlen und unbelegten Betten bekannt gegeben, PEGIDA schadet dem Umsatz in den Einkaufsstraßen, internationale Wissenschaftler meiden die Stadt. Ein Image-, Konsum- und Standortproblem. Mehr nicht. Es blieb an Frank Richter hängen, der dann schließlich doch mit Oberbürgermeister Hilbert zum Bürgerdialog in die Kreuzkirche lud, um PEGIDA einmal nicht als Imageproblem, sondern als ein Problem einer gespaltenen Bürgerschaft anzugehen. Weil doch in erster Linie Dresden selbst ein Problem hat. Ein Dialog war nicht möglich. Der Versuch war trotzdem wichtig. Der eigenen Würde wegen!

Diese Stadt bewirbt sich also als Kulturhauptstadt Europas. Eine Stadt, wo sich am Tag der Deutschen Einheit hunderte Idioten versammelten, um einen dunkelhäutigen Ehrengast mit Affenlauten zu begrüßen. Eine Stadt, in der das blosse Ausstellen von Kunstwerken auf dem Neumarkt – die Wölfe, die Busse, das Denkmal für den permanenten Neuanfang – ausreicht, dass sich die Menschen gegenseitig anbrüllen. So dass ich, der die Wölfe so lala, die Busse genial und das Denkmal für den Dingsdabumms schrecklich fand, nur darum bitten kann, dass das Kulturamt ab sofort jeden Tag zehn bis zwanzig Kunstwerke einweiht und von Pieschen bis Laubegast, von Gorbitz bis Klotzsche, die Stadt mit Skulpturen und Plastiken zupflastert, damit die Schreihälse irgendwann heiser werden und, nach einem Moment des Schweigens und des damit erzwungenen Innehaltens, Luft holen, neu ansetzen und vielleicht doch noch zum Dialog finden.

Meine Damen und Herren, das war der satirisch-kritische Teil. Sie können entspannen. Kommen wir zum Positiven.

PEGIDA hat nämlich, und dafür sollten wir dankbar sein, auch die schönsten Kräfte der Stadt mobilisiert. Menschen, die ihre Stadt nicht den Spaziergängern überlassen wollten. Freiwillige, abfällig als „naive Gutmenschen“ bezeichnete Dresdner, die beim Aufbau der Flüchtlingscamps halfen, Möbel und Spielzeug organisierten, Deutschunterricht gaben, Geflüchteten das Fahrradfahren beibrachten, Malkurse, Tanzkurse, Joggen an der Elbe, Konzerte, gemeinsam kochen. Kurz: Kultur! Ein Mann aus Syrien sagte mir einmal auf der Hamburger Strasse: „Ich hab gar nicht so viel Zeit wie ich Angebote bekomme.“ Aus der Banda Kommunale wurde die Banda Internationale. Der Musiker Paul Hoorn trommelte mit Kindern in der Zeltstadt und fünfzehn gut gekleidete MusikerInnen des philharmonischen Kammerorchesters spielten ebenda für einhundert in Decken gehüllte Geflüchtete die Vier Jahreszeiten, der Leiter Wolfgang Hentrich erklärte den Menschen aus Nordafrika, wie sich bei uns der Winter anfühlt. Das ist Kultur! Ich hatte das Glück, dabei sein zu dürfen.

Vor zwei Wochen saß ich im Park des Japanischen Palais. Tausende Menschen hörten ein Gespräch mit Richard David Precht und Christian Felber über das Bedingungslose Grundeinkommen und die Zukunft der Arbeit. Denn das sind die gesellschaftlichen Umwälzungen, die uns demnächst beschäftigen werden, und deren Vorglühen bereits heute viele Menschen an die rechten Versammlungsorte treibt, zu PEGIDA oder in die AfD. Den Dresdnern einen alternativen Ort für solche Themen zu bieten, das ist – gestatten Sie mir den kurzen Anflug von Pathos – aber das ist für mich Friedensarbeit. Einen Dank an den Initiator Jörg Polenz, für mich ein überfälliger Kandidat für den nächsten Dresdner Kunstpreis.

Meine Stadt also, die auch diese Schönheit zu bieten hat, bewirbt sich als Kulturhauptstadt Europas. Herzlichen Glückwunsch!

Wenn ich das Bewerbungskonzept richtig verstanden habe, dann unternimmt es gar nicht erst den Versuch, den Riss durch die Bürgerschaft zu verschleiern, sondern macht sie zum Thema. Um ehrlich zu sein, soviel Mut hätte ich dem Rathaus nicht zugetraut. Meiner Meinung nach, ist das der einzige Weg, damit die Bewerbung Dresdens als Kulturhauptstadt nicht als peinlicher Witz endet, über den dann nur noch die Zyniker lachen können.

Die Bewerbung soll unter der Beteiligung der Dresdner Bürger geschehen. Einen ersten Vorgeschmack, wie Bürgerbeteiligung aussehen kann, bekam das Kulturamt, als sich die Freunde der Wiedereröffnung des Fernsehturms beschwerten, warum auf dem Hauptbewerbungsfoto der Fernsehturm fehle und ihn kurzerhand selbst hinein montierten. Jetzt steht er irgendwo neben der Babisnauer Pappel. Warum auch nicht. Ist sie nicht mehr so einsam.

Bis 2025 sollen verschiedene Mikroprojekte stattfinden, bei denen Bürger in ihren Stadtteilen aus dem Knick und ins Gespräch kommen können. Stellvertretend seien hier die Grunaer Nachbarschaftstage genannt, wo Bewohner diejenigen Orte, Gebäude, Grün- und Wasserflächen bestimmen sollen, die sie als bewahrenswert erachten. Oder die Installation „Wunschraumproduktion“, die von BürgerInnen aus Friedrichstadt gebaut werden soll, um über Themen wie Gentrifizierung, freie Räume für Künstler oder die Neunutzung von alten Industriegebäuden ins Gespräch zu kommen.

Mir ist bewusst, dass mein kleiner Redebeitrag nun am Ende in den Tonfall einer Jungpionierrede abrutscht, „mein Bezirk soll schöner werden“. Vielleicht stellt sich auch bald heraus, dass nichts davon aufgeht, dass 2025 die Gräben in der Stadt noch tiefer, und das Misstrauen untereinander noch größer geworden ist.

Ich kann nur hoffen, dass viele Dresdner die Chance erkennen, die sich durch diese Bewerbung bietet: Ein Miteinander, ein Gemeinsam, ein Streiten ohne Hass, und ein, von mir aus zähneknirschendes, Akzeptieren verschiedener Meinungen und Weltsichten. Wenn das das Ziel und ernsthafte Bemühen ist, dann lohnt sich diese Bewerbung, selbst wenn Dresden nicht Kulturhauptstadt werden sollte. Was mir zum Beispiel vollkommen wurscht wäre.

In meiner Stadt leben nicht nur Nazis und Gutmenschen, sondern Menschen, die einfach nur ihr Leben leben wollen, in ihrer Stadt, in die sie sich endlich wieder verlieben, und an deren Elbwiesen sie sitzen, grillen und knutschen wollen. Ohne sich schämen zu müssen.

Heute wird das Kulturhauptstadtbüro eröffnet. Ich wünsche allen MitarbeiterInnen viel Kraft, provokative Ideen, Gelassenheit und Humor.

(c) Philipp Schaller