Utopie mit Schafen – Satire für die Sächsische Zeitung

Für ihre Reihe „Visionen für Dresden“ hat mich die Sächsische Zeitung um eine Vision gebeten. Ich habe mit einer Utopie geantwortet.

Utopie mit Schafen

von Philipp Schaller

Vorab: Ich habe keine Vision für Dresden. Ich bin Satiriker. Eine Vision sollte doch seriös sein, wohl durchdacht und im besten Fall erreichbar. Das ist mir zu anstrengend. Visionen überlasse ich denen, die – im Gegensatz zu mir – ein Studium abgeschlossen haben. Ich berufe mich auf den Gründer des Dresdner Kabaretts Herkuleskeule, das Theater, in dem ich arbeite. Manfred Schubert saß mir gegenüber am Kaffeetisch, vor uns Eierschecke und Kaffee, und murmelte: »Es fehlt nicht an Visionen. Es fehlt an Utopien.« Utopie kann ich. Utopie geht ohne Studium. Utopie muss nicht erreichbar sein, sie ist »kein Ort«, und – für mich am wichtigsten – sie muss nicht wohl durchdacht sein. Sie darf widersprüchlich sein und ambivalent. Und meine Utopie ist genau betrachtet eine Sehnsucht. Sie ergriff mich, als ich zum ersten Mal eine Fotografie sah, die wohl jeder Dresdner kennt. Eine Fotografie, die so widersprüchlich ist und – aus heutiger Sicht – so fremd, dass der Ort wie aus der Wirklichkeit gerissen scheint: Eine Schafherde grast vor der Ruine der Frauenkirche. Diese Sehnsucht hält an und sie verunsichert mich: Woher kommt sie? Wenn ich als Kind in Ruinen gespielt hätte, dann könnte ich die Sehnsucht verstehen. Habe ich aber nicht. Ich habe mal ein Schaf gestreichelt. Das war nett. Aber nichts, wonach ich mich sehne. Warum also habe ich Sehnsucht nach dieser auf dem Foto vermittelten Idylle? Ist es überhaupt die Idylle oder habe ich Sehnsucht nach etwas, was in diesem Bild mitschwingt und heute aus der Zeit gefallenen ist: Bescheidenheit. Sehnsucht nach einer Stadt, in der Menschen mit ihren Schafen leben. Und nicht Lange&Söhne. Nichts gegen Uhren ab 48.000! Aber wie wäre es mit einem Unterwäschefachgeschäft? Oder Haushaltswaren? Gardinenstoffe! Dinge, die Menschen brauchen. Menschen, die sich in meiner Utopie Wohnungen am Neumarkt leisten können. Feuerwehrmänner, Krankenschwestern, Erzieherinnen. Ich habe Sehnsucht nach Nachbarschaft. Die Anwälte der Wirtschaftskanzleien in den altstädter Seitengassen – sie wohnen ja nicht dort. Wer soll denn und mit wem abends in die nicht vorhandene Eckkneipe ziehen, um zusammen mit Feuerwehrmann Eddi und Krankenschwester Heidi zwei, drei Klare zu kippen? Ich finde es ja nicht verkehrt, wenn Touristen auf der Terrasse einer innerstädtischen Systemgastro sitzen und sich fünf Euro für ein 0,3er Bier abknöpfen lassen. Nur zu! Aber: Worauf blicken die Touristen? Auf barockes Zeug. Schön! Aber tot. Sie blicken auf ein Dresden ohne Dresdner. Eine Innenstadt, in der du dich nirgendwo in den Schatten setzen und anlehnen kannst, ohne was bestellen zu müssen. Sogar Ruinen wären lebendiger! Auf den Mauerresten könnten Kinder balancieren. Nein, ich habe keine Sehnsucht nach Ruinen. Auch wenn sie thematisch gut zu einem Canaletto-Stadtfest passen würden, auf dem Panzer und Patriot-Flugabwehrraketen die Dresdner Jugend zum spielerischen Ausprobieren eingeladen haben. (Überhaupt habe ich Sehnsucht nach einer Stadtgesellschaft, die Messergewalt am Hauptbahnhof genauso problematisch findet wie mobile Gefechtsstände am Terrassenufer.) Ein Strassenfest, das wärs! Ein Strassenfest, einfach so. Ohne jede Programmatik. Ohne, dass ein Verein gegründet werden muss. Ohne multikulturelle Überhöung. Ein Strassenfest, einfach so! Auf der Wilsdruffer! Organisiert von den Bewohnern der Wilsdruffer! Jeder bringt was mit: Kaviareier, Kartoffelsalat, Stachelbeerbowle. Nach Einbruch der Dunkelheit: Modenschau! Tante Inge und Onkel Jochen in selbst gestalteten Kreationen aus Fachgeschäftsunterwäsche und Gardinenstoffen. Tubisten der Staatskapelle kommen auf einen Sprung vorbei und musizieren dazu, gemeinsam mit der Kapelle der Stadtteilfeuerwehr. Der Semperopernball könnte einpacken! Ehemalige Opernballgäste wie Jauch und Thomalla dürfen vorbeikommen, wenn sie was zu essen mitbringen. Alle dürfen kommen, egal ob mit Spinatquiche, Baklava, Pelmeni oder Schweinshaxe. Hauptsache, Messer und Flugabwehrraketen bleiben zuhause. Auf diesem Strassenfest, das durch Bescheidenheit und Übermut glänzt, könnten die Dresdner einen Plan schmieden: Eine erneute Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas. Diesmal mit Kultur. In einer lebendigen Stadt. Und wenn Sie sich jetzt fragen, warum nur die Tubisten der Staatskapelle zum Strassenfest kommen sollen, warum nicht auch die Geiger und Triangelisten: Dann sind Sie auf dem richtigen Weg, denn dann denken Sie schon an die Umsetzung! Dann wird aus der Utopie vielleicht doch noch eine Vision. Erreichbar! Auch ohne Ruinen. Aber: Mit Schafen zum streicheln.